Zwanzig Jahre nach der Wende: Mehr Allergien und kein Ende…

Allergologisches Fazit zum 09.11.2009 – Die Wiedervereinigung und ihre Folgen aus der Sicht eines "Fachidioten" (J. Kleine-Tebbe)

ALLERGOLOGIE Jahrgang 33, No. 11/2010 (November)

Ein ganzes Heft zur Allergologie in der DDR

mit Beiträgen zur

- Allergiediagnostik
– Therapie von Allergien
– Pädiatrischen Aspekten
– Berufsbedingten Allergien
– Wissenschaft & Allergien
und Geschichte der Gesellschaft für Klinische und Experimentelle Immunologie der DDR

von Zeitzeugen aus 1. Hand:

J. Adolph, I. Bergmann, K.-C. Bergmann, J. F. Fischer, R. Hesse, L. Jäger, G. Kresin, W. Lässig, W. Leupold, J. Meister, G. Metzner,W. D. Schneider, H.-J. Schubert und D. Stiller


Vor der Wende: Allergiehäufigkeit in der ehemaligen DDR unklar


 

Foto (DDP): Bitterfeld i.d. ehemaligen DDR

Aufgrund der Umweltbelastung Vermutung höherer Allergieraten in der ehemaligen DDR


 

Nach der Wende: Kinderärztin Erika v. Mutius, ihre Kollegen und andere Teams finden viel weniger Allergien im Osten als im Westen.

Die unerwarteten Ergebnisse finden internationale Beachtung


 

Bizarre Allergierisiken durch Taubenzecken in defekten Dachstühlen:


 

Ober- und Unteransicht von Argas reflexus mit mm-Maßstab
(Foto: Hautklinik Leipzig, 1998)

Schwere allergische Reaktionen durch nächtliche Stiche des Taubenschmarotzers sind eine Plage für die Betroffenen. Nach der Wende werden die Häuser renoviert und die Dächer repariert. Die Taubenplage geht zurück und es werden weniger Stichreaktionen beobachtet.

Die Allergieraten im Westen und im Osten haben sich mittlerweile vollständig angeglichen. Die Ursache für die unerwarteten, erheblichen Unterschiede vor der Wende sind wahrscheinlich vielfältig und komplex.

Die DDR – ein weißer Fleck auf der Allergie-Landkarte?


Allergenextrakte zur Diagnostik oder (Immun)therapie waren in der DDR Mangelware. Die Allergenhersteller aus dem "Westen" haben nur wenig importieren können. So begnügte man sich mit Extrakten der Serumwerke Dresden – limitiert auf Baum- u. Gräserpollen bzw. Hausstaublösungen und vereinzelt speziellen Mischungen.
Laborbestimmungen auf allergietypische Antikörper (Immunglobulin E = IgE) standen nur wenigen Spezialzentren im Osten und nicht für die breite Routine zur Verfügung. Daher war die Häufigkeit allergischer Erkrankungen oder der "Sensibilisierungen" (= Allergiebereitschaft) vor der Wende in der DDR ein Buch mit sieben Siegeln. Bitte keine Missverständnis: Man hielt keine Zahlen unter Verschluss, es gab einfach kaum welche…

Überraschung nach der Wende: Weniger Allergien im umweltbelasteten Osten?


Rasch nach der Wende nutzten Epidemiologen (Wissenschaftler mit Interesse an der Krankheitshäufigkeit und Risiken in der Bevölkerung, allen voran Erika v. Mutius) ihre Instrumente, mit den sie bereits im Westen viele Tausend Kinder auf Allergie getestet hatten. Nach kurzer Zeit stand fest: Im Osten gab es nur halb so viel Allergiebereitschaft wie im Westen und nur die Hälfte entwickelte allergischen Schnupfen und allergisches Asthma, verglichen mit dem Westen. Allerdings waren Bronchitis und Ekzeme in der DDR zum Teil häufiger – die Umweltverschmutzung hatte möglicherweise doch gewisse Folgen.

Mehr Allergien durch freie Marktwirtschaft?

Die Zahlenvergleiche schlugen international ein wie eine Bombe. Wissenschaftler auf der ganzen Weit kratzen sich am Kopf. Wie kann ein Volk mit gleichem genetischen Hintergrund (Merke: Evolution braucht seine Zeit!) so unterschiedliche Allergierisiken herausbilden? Die simple Hypothese, dass durch verschmutzte Umwelt (wie in der DDR) höheres Allergierisiko entsteht, bewahrheitete sich nicht. Dennoch werden aus heutiger Sicht Umwelt- und Lebensstilfaktoren für die Differenzen verantwortlich gemacht. Diverse Bedingungen kommen zur Erklärung in Frage:
- Früher Kontakt der Kleinkinder mit "Alltagserregern" durch gemeinsame Krippenplätze im Osten, dadurch rechtzeitiges "Training" des Immunsystems durch die üblichen Mikroben
- im Gegensatz dazu im Westen kleinere Familien, häufig späterer Kindergartenbesuch und Einigeln in der "bürgerlichen Kleinfamilie" (Stichwort "Cacooning")
- andere Form der Luftverschmutzung im Osten (durch Kohlefeuerung bedingte Feinstaub-, Ruß- und SO2-Belastung) als im Westen (KfZ-bedingte Belastung durch NO2 und organische Kohlenwasserstoffverbindungen; dadurch potentiell stärkere Belastung von saisonalen Pollenallergenen mit immunadjuvanten Schadstoffen und spezifischen Pflanzenmediatoren, sog. Pollen-assoziierten Lipidmediatoren, PALM)
- hohe Wärmedämmung mit höherer Luftfeuchtigkeit und mehr Teppichböden (optimale Bedingungen für Hausstaubmilben?) und Säugetiere in den West-Haushalten ("je kleiner die Wohnung, desto größer der Schäferhund" – alte West-Berliner Allergologen-Weisheit aus den 80ern); im Osten eher zugige Wohnungen (milbenfeindlich!) und platzsparende Vogelhaltung
– exotische Speiseplan der genussfreudigen Westler im Gegensatz zu den regional und saisonal geprägtem Obst- und Gemüsekonsum in der DDR (ohne Kiwi keine Kiwiallergie!)
FAZIT: Wenn schon Zivilisationskrankheiten, dann sind Allergien ein Ergebnis westlichen Lebensstils – mit all seinen Facetten.

Rasanter Allergieanstieg im Osten nach der Wende – es kam, wie es kommen musste, aber warum?


Das spektakuläre, ungeplante Feldexperiment – wie beeinflussen Umwelt und Lebensstil das Allergierisiko? – ging mit der Wende zu Ende. Rasch, innerhalb weniger Jahre stiegen die Allergiezahlen im Osten an und haben heute längt "Westniveau" erreicht. Weiß man, woran es gelegen hat? Leider nicht so recht. Der Grund? In der Nachwendezeit haben sich so viele Lebensumstände und Umweltfaktoren parallel geändert, dass eine kausale Zuordnung zu einzelnen Faktoren gar nicht möglich ist. Anders ausgedrückt: Zuviele Variablen "verderben den Brei". Kitas, Haustierhaltung, Luftverschmutzung (weniger Kohlefeuerung, mehr KfZ), Isolation der Wohnungen, Kiwis auf dem Speiseplan…vieles hat sich letztlich geändert – so bleibt ein Strauß an Ursachen, der keine eindeutige Zuordnung erlaubt.

Leipzig 1989 – Hauptstadt der Taubenzecken?

Tragische Folge der knappen Mittel für die Städtesanierung in der DDR war eine marode, renovierungsbedürftige Altbausubstanz mit schleichendem Verfall der Häuser durch defekte Dächer und irreparable Wasserschäden. Die Besiedlung durch verwilderte Haustauben ließ nicht lange auf sich warten: Unzählige Dachstühle waren zu verwahrlosten Nistplätzen verkommen und die Tauben zur Plage für die betroffenen Städte – allen voran Leipzig.

Bizarre Entwicklungen stellten sich ein: Taubenzecken, ein Parasit aus der Familie der Lederzecken, besiedelten nach und nach die Dachstühle in verborgenen Ritzen und Spalten. Ende der 80er Jahre wurden in Leipzig bis zu 1000 betroffene Dachstühle mit Taubenzeckenbefall gezählt – die Messemetropole geriet zur Hauptstadt der Taubenzecken (obwohl auch die Hauptstadt der DDR nicht von den Schmarotzern verschont blieb).

Nächtlicher allergischer Schock in der Messemetropole durch unerwünschte Mitbewohner?

Bei Zunahme der Zeckenpopulation oder Ausbleiben des "natürlichen Wirtes" (der Tauben) durch Abdichten der Dächer suchten sich die Parasiten Ersatzwirte – den Menschen – für ihre Blutmahlzeit: Nächtliche Attacken wurden meistens erst am nächsten Morgen an Armen oder Beinen als entzündete Stichreaktionen von den Betroffenen bemerkt. Durch den Kontakt mit proteinhaltigem Zeckenspeichel entwickelten ca. 10% der Betroffenen nach mehrfachem Stich lebensbedrohliche Soforttyp (Typ-I)-Allergien bis zum allergischen Schock (Anaphylaxie): Kaum wachgeworden, überfiel sie quälender Juckreiz, schossen Quaddeln an der Haut auf, verkrampfte sich die Atmung, entstand Übelkeit und brach der Kreislauf zusammen. Die ersten Allergietests – konspirativ in privaten Wohnungen durchgeführt – bestätigten die Vermutung, dass die Taubenzecken Schuld an den Reaktionen waren. Das Thema war politisch viel zu brisant, um offen in der DDR diskutiert zu werden. Pioniere wie der Biologe Günther Vater, die sich der Problematik damals stellten, wurden auch nach der Wende noch mit behördlichen Maulkörben versehen.

Einige Jahre später konnte der Schreiberling (ein ehemaliger BesserWessi) in den 90er Jahren in Leipzig Betroffene kennenlernen und befragen. Unterstützt von 2 Doktorandinnen wurden an der Leipziger Universitätshautklinik (Leitung Prof. U.-F. Haustein) zwischen 1996 und 1998 fast 150 Stadtbewohner mit Taubenzeckenstichen allergologisch untersucht. Mittlerweile ist durch umfangreiche biologische Studien des Entomologen Hans Dautel und die Leipziger Allergieuntersuchung Mitte der 90er Jahre vieles zu den Taubenzecken besser erforscht. Diese Ergebnisse sind nicht unbedeutend, da in den Altestädten Europas immer wieder Fälle von Taubenzeckenbefall und allergischen Stickreaktionen vorkommen.

War die ehemalige DDR allergologisches Niemandsland?

In der DDR gab es trotz schwierigster Bedingungen engagierte Allergie- und Immunologieforschung. Konzentriert auf wenige Spezialabteilungen wurden wissenschaftliche Fragestellungen in der Regel von klinischen Immunologen, aber auch von anderen interessierten Naturwissenschaftlern und Ärzten bearbeitet. Abgeschnitten von den internationalen Publikationsorganen, den Förderungseinrichtungen und Kongressen des Westens, war es für die aktiven Forscher auch auf dem Gebiet der Allergologie ungleich schwieriger, Fortschritte zu erzielen und außerhalb der östlichen Staaten zu kommunizieren.
Die allergologischen Fachgesellschaften der Neuen und Alten Bundesländer wurden nach der Wende rasch vereinigt bzw. von den Westgesellschaften vereinnahmt. Die für die DDR wichtige wissenschaftliche "Zeitschrift für Immunitätsforschung, Allergie und klinische Immunologie" wurde eingestellt. Trotzdem ist es einigen aktiven Allergieforschern auch nach der Wende gelungen, unter neuen Bedingungen erfolgreiche Projekte einzuwerben und durchzuführen.

Wo stehen wir heute 20 Jahre nach der Wende?

Die Ärzte in den Neuen Bundesländern haben rasch ihr allergologisches Wissen vervollständigt. Westliche Firmen stellten die Instrumente zur Diagnostik (Haut- und Labortests) und Behandlung (Allergenpäparate zur spez. Immuntherapie) zur Verfügung und heute findet jeder Allergiker – egal ob im Osten oder Westen – kompetente Behandlung von Haut-, HNO-, Kinder- und Lungenfachärzten. Ärzte mit der "Zusatzbezeichnung Allergologie" gibt es allerdings deutlich weniger als in den alten Bundesländern. Schuld aus der Sicht des Autors sind daran die verschwiemelten behördlichen Ankündigungen in der Nachwendezeit. Sie wurden vielfach übersehen und dadurch die Fristen zum Beantragen der Zusatzbezeichnung Allergologie versäumt.

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