Aktuelle Wetterlage begünstigt Gräserpollenbelastung

10 Fakten zur Gräserpollen-Allergie

IMG_0492 Foto (J. Kleine-Tebbe, Mai 2014):
Blühende Süßgräser, Pollenproduzenten und Allergenschleudern im Frühsommer

  1. Gräser blühen in Mitteleuropa von (Mitte) Mai bis August mit Maximum im Juni/Juli, 2014 je nach Region allerdings deutlich früher; eine verlässliche Pollenflug-Vorhersage funktioniert bestenfalls für wenige Tage.
  2. Gräserpollen transportieren eine Reihe von Proteinen (Eiweißstoffe); einige wurden als wichtige Allergene identifiziert (z.B. in Pollen vom Lieschgras Phleum pratense; detaillierte Information unter www.allergome.org)
  3. Bei erhöhter Allergiebereitschaft (Atopie) bildet das Immunsystem gegen diese Fremdproteine Antikörper der Klasse E (Immunglobulin E, kurz IgE), das anschließend fest auf Mastzellen im Gewebe und in der Schleimhaut haftet
  4. Bei erneutem Allergenkontakt provozieren eine Reihe von Botenstoffen (z.B. Histamin) aus Mastzellen und anderen Immunzellen eine allergische Entzündung und Symptome wie Augenjucken, Niesen, Naselaufen, verstopfte Nase, ggfs. Husten, erschwerte Atmung und Auswurf (Asthmasymptome)
  5. Wegen erheblicher Allergenmengen im Frühsommer sind die Gräserpollen neben den Baumpollen die häufigste Quelle für allergische Beschwerden (im Volksmund “Heuschnupfen”) in der warmen Jahreszeit
    …und nicht etwa die „weißen Flusen“, eigentlich Flugsamen von Bäumen, die zur gleichen Zeit bei klarem Wetter unterwegs sind
  6. Bei Beginn der Pollensaison leiden die Betroffenen häufig mehr als durch später auftretende, höhere Allergenbelastungen  – wahrscheinlich das Ergebnis „natürlicher Toleranzentwicklung“, ein Gewöhnungseffekt des Immunsystems
  7. Die verantwortlichen Hauptallergene (z.B. Majorallergene der Gruppe 1 u. Gruppe 5) zeigen bei allen Süßgräsern eine ähnliche Struktur, sodass das IgE-Repertoire des Gräserpollen-Allergikers sie kaum unterscheiden kann: Es besteht daher ausgeprägte Kreuzallergie zwischen sämtlichen Gräserpollen-Allergenen. Fazit: Wer auf ein Gras eine Allergiebereitschaft (=Sensibilisierung) entwickelt, wird auf sämtliche Gräser reagieren
  8. Die Diagnose beruht auf einer typischen Vorgeschichte (Anamnese) und positiven Ergebnissen in sogenannten Sensibilisierungstests (Prickhauttest oder spezifischer IgE-Test gegen Gräserpollenallergene)
  9. Wirksame Pharmaka bei Pollenflug sind wie bei anderen allergischen Atemwegsbeschwerden Kortison-haltige Asthma- bzw. Nasensprays und nicht-sedierende Antihistaminika als Tabletten, Augentropfen und Nasensprays. VORSICHT: Kortison-Depotspritzen ins Gesäß…diese Injektionen legen für einige Wochen die Kortisonachse lahm, können Dellen im Fettgewebe hinterlassen und werden nicht empfohlen.
  10. Die spezifische Immuntherapie (Hyposensibilisierung) ist die einzige Behandlung, die nachhaltig die Beschwerden (und den Medikamentenverbrauch) in der Gräserpollen-Saison lindern und wahrscheinlich Asthma und Neu-Sensibilisierungen vorbeugen kann. Unterschiedliche Verfahren haben sich zu diesem Zweck bewährt:
    a)    „Klassische“ Immuntherapie mit regelmäßigen Injektionen während des gesamten Jahres für 3 Jahre
    b)    Kurzzeit-Behandlung mit einigen Injektionen vor der Pollensaison (3 Zyklen empfehlenswert, d. h. 3 Jahre)
    c)    Sublinguale Immuntherapie mit täglicher Anwendung von Tabletten- oder Tropfenpräparaten unter der Zunge (=sublingual), entweder ganzjährig oder 4 Monate und während der Pollensaison für 3 Jahre

Berlin, 22.05.2015

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Neue deutschsprachige SIT-S2k-Leitlinie 2014 zur Hyposensibilisierung mit Allergenen

Konsensus-Konferenz_S2k-SIT-LL_4-2013

23.12.2014 – Nach sorgfältiger Vorbereitung war es kurz vor Weihnachten soweit: Die Autoren (siehe Foto), federführend Prof. Dr. Oliver Pfaar (li. außen) und PD Dr. Jörg Kleine-Tebbe als Berater an “letzter Stelle” (re. oben, 3. von rechts), stellen die gründlich überarbeitete deutschsprachige Leitlinie zur Spezifischen Immuntherapie (Hyposensibilisierung) mit Allergenen vor:

SIT-S2k-LL_Titelfoto_12-2014http://www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/061-004.htmlErstpublikation im Allergo J Int 2014; 23:282-319*.
(als PDF-Datei zum Download verfügbar auch unter http://www.dgaki.de/leitlinien/S2k-leitlinie-sit/)

Sämtliche Aspekte der Spezifischen Immuntherapie (SIT) werden hier dargestellt:
- Wirkmechanismus,
- sinnvolle Diagnostik vor Beginn der SIT,
- Einsatzmöglichkeit bei Atemwegserkrankungen abhängig von Allergenquellen und Applikationsformen,
- Indikationen und Kontraindikationen mit konkreten Empfehlungen,
- Varianten und empfehlenswerte Applikationsformen zur Durchführung einer SIT,
- Nebenwirkungen mit neuer internationaler Einteilung von System- und Lokalreaktionen,
- Sicherheits- und Zukunftsaspekte.

Erstmalig wurden Übersichtstabellen zur Studienlage der SIT erstellt, die zugehörig zur Leitlinie hier auf der Internetseite der DGAKI frei zugänglich sind und halbjährlich von den Autoren aktualisiert werden. Dazu gibt es Patienten-Informationen zur subkutanen (SCIT) und sublingualen (SLIT) Immuntherapie in deutscher und englischer Sprache (auch zum Download).

Nutzen Sie die überarbeiteten Empfehlungen zur Spezifischen Immuntherapie mit Allergenen und informieren Sie sich.

Berlin, 02.01.2015, J. Kleine-Tebbe (siehe auch http://www.dgaki.de)

*Zitierweise:
Pfaar O, Bachert C, Bufe A, Buhl R, Ebner C, Eng P, Friedrichs F, Fuchs T, Hamelmann E, Hartwig-Bade D, Hering T, Huttegger I, Jung K, Klimek L, Kopp MV, Merk H, Rabe U, Saloga J, Schmid-Grendelmeier P, Schuster A, Schwerk N, Sitter H, Umpfenbach U, Wedi B, Wöhrl S, Worm M, Kleine-Tebbe J. Guideline on allergen-specific immunotherapy in IgE-mediated allergic diseases – S2k Guideline of the German Society for Allergology and Clinical Immunology (DGAKI), the Society for Pediatric Allergy and Environmental Medicine (GPA), the Medical Association of German Allergologists (AeDA), the Austrian Society for Allergy and Immunology (ÖGAI), the Swiss Society for Allergy and Immunology (SGAI), the German Society of Dermatology (DDG), the German Society of Oto-Rhino-Laryngology, Head and Neck Surgery (DGHNO-KHC), the German Society of Pediatrics and Adolescent Medicine (DGKJ), the Society for Pediatric Pneumology (GPP), the German Respiratory Society (DGP), the German Association of ENT Surgeons (BV-HNO), the Professional Federation of Paediatricians and Youth Doctors (BVKJ), the Federal Association of Pulmonologists (BDP) and the German Dermatologists Association (BVDD). Allergo J Int 2014;23:282–319. DOI: 10.1007/s40629-014-0032-2

Allergenbelastungen….nicht nur zur Weihnachtszeit

Haselpollen & Nuss 25-12-13

Abb.: Blütenstände und Nuss der Gemeinen Hasel (Corylus avellana) am 25.12.2013 (Foto: J. Kleine-Tebbe)

10 Fakten zur Allergie durch Haselstrauch-Produkte:

  • Haselpollen fliegen während milder Winter bereits im Januar/Februar, im Einzelfall bereits im Dezember (also Obacht, wie das Wetter wird!)
  • Das Major-Allergen Cor a 1 ist in diversen Varianten sowohl in den Pollen als auch in der Haselnuss vorhanden
  • Cor a 1 gehört zur Familie der PR-10-Proteine (Bet v 1-Homologe);  gemeinsames Merkmal ist eine ähnliche Struktur und Ähnlichkeit zum Major-Allergen Bet v 1 der Birkenpollen
  • Vermutlich stellt Bet v 1 in unseren Breiten die primäre Sensibilisierungsquelle für Baumpollen-Allergiker dar
  • Durch Kreuzreaktionen (IgE-Bindung ähnlicher Proteine, z.B. aus der Gruppe der Bet v 1-Homologen) entwickeln viele Birkenpollen-Allergiker auch durch die Blüte von Hasel, Erle, Buche, Hainbuche und Eiche allergische Symptome
  • Bet v 1-bedingte Kreuzreaktionen sind in Nord- und Mitteleuropa die häufigste Ursache von Nahrungsmittelallergien im Erwachsenenalter
  • Nach Genuss roher, ungegarter Hasel- und Walnüsse, Äpfel, Birnen,  Kirschen, Pflaumen, Pfirsiche, Aprikosen, Kiwi, Feigen, Karotten, Sellerie und Soja lösen darin enthaltene Spuren der Bet v 1-homologen Proteine häufig lokale Beschwerden in Mundhöhle und Rachenraum, manchmal auch schwere, bedrohliche allergische Reaktionen aus
  • Die genannten pflanzlichen Lebensmittel werden im gegarten Zustand meistens gut vertragen (sofern sie ausreichend erhitzt wurden!)
  • Sollten z.B. auch gegarte, geröstete Haselnüsse schwere Reaktionen provozieren, sind wahrscheinlich stabile Speicherproteine der Haselnuss (Cor a 9, Cor a 11 oder Cor a 14) die verantwortlichen Allergene
  • Die betroffenen Haselnuss-(Speicherprotein)Allergiker – zum Glück nur wenige – sind stärker gefährdet als der klassische Birken- und Haselpollen-Allergiker mit seiner Kreuzallergie (s.o.), sollten auch Spuren von Haselnüssen, geröstete, verarbeitete Haselnüsse bzw. entsprechende Produkte vermeiden, sorgfältig die Zusammensetzung verpackter Lebensmittel prüfen und immer eine Notfallapotheke mit eine Adrenalin-Autoinjektor mit sich führen und sofort einsetzen, falls versehentlich doch einmal eine Haselnuss verzehrt wird und eine schwere Reaktion droht